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17.07.2019

"Sozial agierender Arm der Kirche"

Im Interview sprechen Dr. Martin Hamburger (Diakoniedirektor), Cornelia-Maria Schott (Geschäftsführerin der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal) und Thomas Bartsch (Geschäftsführer der Ev. Kindertagesstätten, Kinder-Jugend-Familie, Soziale Teilhabe und Servicegesellschaft der Diakonie Wuppertal) über die neue Diakonie und Herausforderungen für die Zukunft.

Wie ist die Diakonie nach dem Strukturwandel aufgestellt? Was funktioniert besser, was schlechter als vorher?
Dr. Martin Hamburger: Jetzt bekommen alle Gesellschaften die gleiche Wertschätzung. Vorher gab es das Diakonische Werk und die anderen Gesellschaften standen daneben. Jetzt haben wir fünf Gesellschaften, die alle gleichberechtigt sind.

Es gibt keine Konkurrenz oder Einteilung in klein und groß. Das entspricht auch unserem theologischen Anspruch. Für mich persönlich hat sich auch etwas verändert: Ich trage nicht länger alleine die rechtliche Verantwortung für die Diakonie, sondern jede Geschäftsführung in ihrem Bereich und wir alle gemeinsam.

Cornelia-Maria Schott: Durch die klare, einheitliche Organisationsstruktur ist unsere Arbeit transparenter geworden. Wir sind sieben gleichberechtigte Geschäftsführungen.

Aber das führt natürlich dazu, dass die Absprachen schwieriger werden. Alle zwei Wochen findet daher eine Leitungsrunde statt, in der wir gemeinsam Entscheidungen abstimmen.

Thomas Bartsch: Das stimmt. Der Abstimmungs- und Organisationsbedarf ist aufwändiger. Ein Bespiel sind die Mitarbeitervertretungen (MAV), ich sitze in vier MAVs. Das bindet Zeit und Kraft.

Da gibt es langfristig Optimierungsbedarf. Die Tatsache, dass Martin Hamburger als Theologe nicht mehr am operativen Geschäft teilnimmt, empfinde ich persönlich als Verlust.

Hamburger: Ich sehe das anders. Eine ständige Präsenz in den praktischen Bereichen eines so großen Werkes ist für mich nicht leistbar. Aber das Theologische ist mehr als eine Sahnehaube.

Unser neues Konstrukt ist aus meiner Sicht schlüssig: Für den normativen Bereich stehen Kirchenkreis und Kreissynodalvorstand mit dem Aufsichtsrat.

Ich arbeite als Pfarrer und Diakoniedirektor strategisch an der Schnittstelle zwischen Normativem und Operativem. Und für das operative Geschäft sind dann die Geschäftsführungen der Gesellschaften verantwortlich.

 

Haben sich die Gesellschaften angenähert?
Schott: Ja. Wir machen viel mehr gemeinsame Aktionen als vorher. Ein Beispiel sind die Leuchtturm-Projekte (gesamtdiakonische Angebote für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende der Diakonie).

Die Vorteile sind auch nach außen hin spürbar: Beispielsweise bei Verhandlungen mit Versicherungen, Stadt und
Stromanbietern haben wir als neue Diakonie ein ganz anderes Gewicht. Wir sind eine echte Marke geworden.

Bartsch: Für unser Gegenüber sind die politisch und rechtlich vereinheitlichten Strukturen ein klarer Vorteil. Und untereinander wird die Zusammengehörigkeit sehr gepflegt.

Unser gemeinsames Logo zeigt durch Nähe in Farbe und Struktur außerdem, wie eng wir als Diakonie zum Kirchenkreis und zu den Gemeinden gehören.

 

Die Diakonie nebst mitorganisierten Gesellschaften hat mittlerweilerund 2030 Mitarbeiter und ist eine der großen Arbeitgeberinnen in Wuppertal. Besteht da nicht die Gefahr, dass der einzelne nicht mehr wahrgenommen wird?
Schott: Das würde ich nicht sagen. Wir werden als Arbeitgeber attraktiver. So können wir den Mitarbeitern viele verschiedene Angebote zur Erleichterung des Arbeitsalltags bieten.

Damit wollen wir zeigen, dass jeder einzelne wichtig ist. In der Altenhilfe hilft uns unsere Größe bei Pflegesatzverhandlungen, und wir haben die Möglichkeit, einzelne Häuser zu spezialisieren, für junge Bewohner mit neurologischen Erkrankungen oder für Bewohner mit Abhängigkeits-Erkrankungen.

Bartsch: Die Mitarbeiter schätzen unsere Größe als Sicherheitsaspekt. Unser Vorteil: Wir haben über 100 Betriebsstellen in der ganzen Stadt verteilt.

Zur Diakonie gehören zum Beispiel viele kleine Kitas. Die Menschen lieben die Arbeit in kleinen Einheiten und schätzen zugleich den großen Verbund, zu dem sie gehören.

Diese Kombination gibt viel Sicherheit und zugleich das Gefühl, dass man persönlich weiterhin etwas bewirken kann.

Hamburger: Außerdem: Die Diakonie wird nicht als irgendein großes Unternehmen wahrgenommen, sondern als lokal agierender sozialer Arm der Kirche.

Schott: Und Martin Hamburger als Pfarrer und Diakoniedirektor bildet das Bindeglied zur Evangelischen Kirche und ist Garant dafür, dass ihre normativen Werte bewahrt bleiben.

 

Was sind die wichtigen Themen für die Zukunft?
Schott: Für die Altenhilfe ist die größte Herausforderung die Personalgewinnung, um die langfristige Sicherung der pflegerischen Versorgung zu gewährleisten.

Zudem beschäftigt uns die Generalistik in der Ausbildung, die zum 1. Januar 2020 in Kraft tritt. Wir sind sehr glücklich, dass wir mit dem neuen Gebäude Konsumstraße gute Rahmenbedingungen für die generalistische Ausbildung gesetzt haben. Auch der neue ‚Pflege TÜV‘ wird uns vor neue Herausforderungen stellen. Hier sind wir durch unser Qualitätsmanagement gut aufgestellt.

 

Es hat einige Außenstehende verwundert, warum sich die Diakonie für die Ausbildung gerade Helios als Partner gesucht hat. Und nicht ein christliches Krankenhaus…
Hamburger: Für 200 Azubis brauchten wir einen großen Partner für die Kooperation. Helios und wir haben ungefähr die gleiche Zahl an Azubis und können dadurch eine analoge Ausbildung anbieten.

Leider hat sich keine Kooperation mit einem christlichen Haus ergeben. Die Alternative wäre gewesen, dass wir gar
keine eigene Ausbildungsstätte gründen. Die Kooperation mit Helios läuft bisher sehr gut. Und meine Aufgabe ist auch ein Stück weit die eines Wächters: Wir werden unsere christlichen Werte ganz sicher nicht aufgeben.

 

Welche Themen beschäftigen Sie noch?
Schott: Die Digitalisierung im Bereich Verwaltung und Pflege. So haben wir gerade digitale Pflegebetten angeschafft. Ziel ist es, den Dokumentationsaufwand für unsere Pflegekräfte zu verringern.

Die papierlose Verwaltung und der Einsatz von Sprachassistenten sind wichtige Themen für uns. Auch die Frage der
Quartiersentwicklung, wie zum Beispiel das Projekt ‚Tuhuus in Langerfeld‘, wird uns in Zukunft sicherlich in allen Arbeitsbereichen beschäftigen.

Bartsch: Für die Kitas ist die Personalgewinnung ebenfalls sehr wichtig. Wir suchen dringend für viele neue Einrichtungen. Ideal wäre es, wenn wir ebenfalls in einer Schule selbst ausbilden könnten. Aber dafür fehlt leider die Refinanzierung. Wir können in den nächsten Jahren durch den Generationenwechsel jedes
Jahr 20 neue Erzieher einstellen. Auch ‚kitastrophal‘, den politischen Kampf für ein auskömmliches Kita-Gesetz, werden wir weiterführen.

Ein wichtiges Thema ist der Sanierungsstau unserer Gebäude. Die Sanierung des Helmut-Hesse-Hauses (Übergangsheim für psychisch kranke, junge Menschen) steht an, und wir müssen uns um die Erhaltung unserer Immobilien kümmern.

 

Wie steht die Diakonie wirtschaftlich da?
Hamburger: Die Geschäftsführer haben das gut im Griff (lacht). Und wir sind heute deutlich besser aufgestellt als noch vor fünf Jahren. Wir haben keine dramatischen Baustellen und können die einzelnen Bereiche transparent steuern.

Die Drucksituationen der Geschäftsbereiche sind unterschiedlich. Einige Bereiche sind unterfinanziert, beispielsweise die Kitas. Wir können aber auskömmlich arbeiten, weil hierhin und in einige weitere Bereiche Kirchensteuermittel fließen, z.B. in verschiedenen Beratungsdienste und in die Flüchtlings- und Integrationsarbeit.

Schott: Die Diakonische Altenhilfe Wuppertal ist mit ihren 13 Einrichtungen eine feste Größe in Wuppertal. Auch wenn der Markt stark staatlich reglementiert ist, konnten wir unsere Qualitätsstandards stets verbessern und unsere Wirtschaftlichkeit ausbauen.

Wir sind stark gewachsen und wir schreiben heute gute Zahlen. Aber das heißt nicht, dass wir uns auf unseren Lorbeeren ausruhen können, es tauchen immer neue Herausforderungen auf.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Nikola Dünow.
Fotos: Tim Polick

© Diakonische Altenhilfe Wuppertal GmbH 2019