Nach oben

 

02.03.2020

Das Sterben nicht totschweigen

 

Der Mensch will leben. Das ist für Katharina Ruth, die Menschen beruflich beim Sterben begleitet, ganz klar. Sie leitet den ambulanten Hospizdienst "Die Pusteblume" der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal. Ihre Einrichtung begleitet rund 200 Menschen jährlich. "Selbst todkranke Menschen wollen so lange wie möglich leben." Menschen, die so unerträglich leiden, dass sie sterben wollen, sind extreme Einzelfälle, betont Ruth. 

Schwerstkranke Menschen, Sterbehilfe-Vereine und Ärzte hatten beim Bundesverfassungsgericht Klage gegen das bisherige Verbot der organisierten Beihilfe zur Selbsttötung eingereicht. Sie sahen darin eine Verletzung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts und der Berufsfreiheit. Das Karlsruher Gericht entschied, dass das allgemeine Persönlichkeitsrecht auch ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben und das Recht, sich dabei Hilfe von Dritten zu suchen, einschließe. Künftig ist die Hilfe zur Selbsttötung unter strengen Voraussetzungen rechtens.

Menschen Möglichkeiten geben

Einer der Kläger, Helmut Feldmann aus Marl, hat eine tödliche Lungenkrankheit. Er zeigte sich "sehr dankbar" für das Urteil. "Ich bin emotional aufgewühlt, sehr erleichtert", sagte Feldmann, der mit den Tränen rang, im ZDF. "Das gibt mir die Sicherheit, das Leben, das ich noch habe, zu gestalten." Er wolle noch einige Jahre leben, aber wenn der Zeitpunkt gekommen sei, wolle er selbstständig gehen. "Ich habe keine Angst vor dem Sterben, aber ich habe Angst vor Qualen", sagte Feldmann, der befürchtet, qualvoll zu ersticken, wenn er sich nicht selbst das Leben nehmen kann.

Das Wissen, die Wahl zu haben, ist eine enorme Erleichterung. Das erlebt auch Katharina Ruth in Ihrer Arbeit. Wenn ihre Klientinnen und Klienten nach ihrer Handynummer fragten, gebe sie die Nummer weiter. Anrufen würden nur die wenigsten. "Zu wissen, dass da jemand ist, den sie erreichen können, hilft schon und macht die Sterbenden ruhiger." Die Möglichkeit Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, führe ihrer Einschätzung nach nicht zu einem Dammbruch. Trotzdem müsse in aller Ernsthaftigkeit geprüft werden, wie Sterbehilfe gestaltet und reguliert werden könne.

Aufschrei beim ‘normalen’ Sterben fehlt

Bei der Debatte um die Sterbehilfe gerät das ‘normale’ Sterben aus dem Blick. "Rund die Hälfte aller 850.000 Menschen, die jährlich in Deutschland sterben, verbringen ihre letzten Minuten in einem Krankenhaus, ein Drittel in einer Altenpflegeeinrichtung", so Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann. Von den über 60 stationären Hospizen in NRW befinden sich 14 in Trägerschaft von Diakonie und Kirche. Es gibt 54 ambulante Hospizdienste und 25 ambulante Palliativdienste unter dem Dach der Diakonie RWL.

Angesichts der andauernden Debatte um die organisierte Hilfe beim Suizid wünscht sich Ruth die gleiche Aufmerksamkeit für alte oder demente Menschen. "Mir fehlt der Aufschrei, wenn es um das ‘normale’ Sterben geht", sagt die Leiterin des ambulanten Hospizdienstes. Laut einer Bertelsmann-Studie bekommen nur 30 Prozent der Sterbenden vor dem Tod eine palliative Versorgung, aber 90 Prozent benötigten sie.

Angst vor rechtlichen Konsequenzen

Zu häufig würden Sterbenskranke notfallmedizinisch versorgt und in Krankenhäuser gebracht, statt sie palliativ ordentlich einzustellen. Riefen Angehörige den Notruf, würden die Sterbenden häufig maximal medizinisch versorgt. "Gerade unerfahrenere Rettungssanitäter haben Angst vor rechtlichen Konsequenzen", so Ruth. Ein würdevolles und begleitetes Sterben Zuhause würde ihnen so vorenthalten. 

"Wir müssen endlich über das Sterben reden", fordert Ruth. Ein Palliativpass, indem genau festgehalten wird, ob und welche notärztliche Versorgung gewünscht ist, könne Rechtssicherheit schaffen. "Das Urteil zeigt, dass wir uns zu selten fragen: Was brauchen sterbende Menschen? Wie können wir ihnen helfen, selbstbestimmt und gut begleitet ihr Lebensende zu gestalten?", stimmt Heine-Göttelmann zu.

Früh über das Sterben sprechen

In Wuppertal arbeitet der Hospizdienst "Die Pusteblume" schon seit seiner Gründung 1996 schwerpunktmäßig in Alten- und Pflegeheimen. "Mit jedem neuen Bewohner eines der Altenheime findet innerhalb der ersten sechs Wochen nach der Aufnahme ein Gespräch über Wünsche und Vorstellungen am Lebensende statt", erzählt die Leiterin des Hospizdienstes. 

Genau das wünscht sich Katharina Ruth für alle Ärzte und Pflegekräfte, die mit alten und sterbenskranken Menschen zu tun haben. "Es geht nicht darum, Lösungen zu präsentieren, sondern gemeinsam zu überlegen, wie der letzte Weg gestaltet werden kann, wer da sein soll und wann Therapien beendet werden."

Hilfe und Unterstützung bereichern das Leben

In vielen Teilen der Gesellschaft herrsche noch immer das Bild vor, dass nur ein Leben in Autonomie und Selbstbestimmung lebenswert sei, so Ruth. Ihre Vermutung: "Viele fürchten jetzt den Dammbruch bei der Sterbehilfe, weil sie sich nicht vorstellen können, dass ein schwerstkranker sterbender Mensch ein gutes Leben führen kann." Dabei gebe es im Leben eines Menschen immer wieder Phasen, in denen er oder sie auf Hilfe angewiesen sei. 

"Nur bei sterbenden Menschen gehen wir auf einmal davon aus, dass das Leben dann nicht mehr lebenswert ist", sagt Ruth. "Wer Sterbende mit Würde begleitet, sie unterstützt und palliativ einstellt, ermöglicht ihnen einen erfüllten und guten Lebensabend."

Text: Ann-Kristin Herbst (mit epd), Fotos: pixabay und Katharina Ruth

© Diakonische Altenhilfe Wuppertal GmbH 2020