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30.04.2020

„Dass jemand nach mir fragt.“

Liebe Mitarbeitende in der Diakonie,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich, und ich denke, vielen von Ihnen ergeht es sehr ähnlich, ich lebe zurzeit in einer Art „Corona-Blase“, ich bemerke, dass mich trotz Lockerungen der Regeln zunehmend ein zähes Gefühl lähmt. Ich merke, dass es nicht einfach ist, mit einer großen zeitlichen Ungewissheit umzugehen. Es wäre eine Erleichterung, wenn wir wüssten, wann ein Ende der Krise absehbar ist. Selbst wenn darüber noch Wochen oder gar Monate ins Land gehen müssen. Ich merke, dass mir viele persönliche Kontakte fehlen. Sieht mich überhaupt noch jemand? Sieht mich überhaupt noch jemand vor allem jetzt, wo wir alle auch noch eine Maske tragen? Sieht mich überhaupt noch jemand, außer vielleicht meinen engsten Familienmitgliedern und Kolleginnen? Aber, wenn ich die nicht habe?

Kurz vor Beginn der Corona Krise besuchte ich eine ehemalige Nachbarin im Altenheim. Die alte Dame ist ein stille Frau. Sie denkt viel nach, oft treiben sie wesentliche Lebensfragen um. Und plötzlich fragt sich mich ganz unvermittelt:

„Ja, von was leb ich denn?“
Ich frage behutsam zurück: „Ja, von was leben Sie denn?“
Sie antwortet mit Tränen in den Augen: „Dass jemand nach mir fragt?“
Auch mir kommen die Tränen.

„Dass jemand nach mir fragt.“ So schlicht und einfach ist die Antwort auf die Frage, wovon ich lebe.

So tief ist die Sehnsucht gesehen zu werden, angesehen zu werden – mit liebevollen Augen, mit einem Blick, der mich würdigt, der sich für mich interessiert. Von einem, der Zeit für mich hat, ein offenes Ohr, ein weites Herz.

„Dass jemand nach mir fragt“ – danach hungert mich. Dass jemand nicht an mir vorübergegangen ist.

Jesus ist nicht an den Menschen vorübergegangen. Nie wird das von ihm erzählt. Im Gegenteil – immer wieder wird berichtet, dass Jesus in Beziehung zu den Menschen getreten ist. In eine heilsame Beziehung.

So ist es auch in der Geschichte von der Begegnung mit Zachäus, dem Zöllner.

Jesus kam nach Jericho und wollte durch die Stadt hindurchziehen. Und da war Zachäus, er war Oberzöllner und er war reich. Zachäus wollte gerne sehen, wer Jesus wäre. Er hatte großen Lebenshunger. Er konnte Jesus aber nicht sehen, denn der hatte eine Traube von Menschen um sich herum, und Zachäus war ein kleiner Mann. Also lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen. Als Jesus nun an dieser Stelle vorbeikam, sah er auf und sagte zu ihm: Zachäus, steig schnell herunter, denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.

Und Zachäus stieg schnell vom Baum herunter und nahm ihn mit Freuden auf.
Als die anderen das sahen, murrten sie und sagten: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.

Zachäus trat vor Jesus hin und sagte: Siehe Herr, die Hälfte meines Besitzes gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden um etwas betrogen habe, gebe ich es vierfach zurück.
Jesus aber sagte, heute ist diesem Haus Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. Denn der Menschensohn ist gekommen zu suchen und zu retten, was verloren ist.

Der Menschensohn ist gekommen die Menschen zu suchen, die niemand liebevoll angeschaut hat; an denen man oft einfach nur achtlos – also ohne Beachtung – vorübergegangen ist. Der Menschensohn ist gekommen, um Halt zu machen vor allem vor denen, die übersehen, vielleicht auch verachtet werden. Weil sie krank sind. Oder alt. Oder einfach anders. Und jetzt leben wir in einer Situation, in denen die Alten und Kranken in einem ganz besonderen Fokus stehen – sie müssen vor dem Corona-Virus besonders geschützt werden, denn sie sind besonders gefährdet.

Ich finde es toll, wie wir in Zeiten von Corona Nachbarschaften und Netzwerke wieder entdecken oder auch neu gründen, wie wir einander sehen.
Die vielen Aktionen von Solidarität und gegenseitiger Unterstützung - analog und digital - beeindrucken mich. Ich denke, es hilft und es tut gut, wenn wir uns gerade in diesen Zeiten der schweren Pandemie deutlich machen: Wir sind nicht wirklich allein.

Auch Jesus bleibt stehen – er sieht uns an – er fragt nach uns. Er will in unserem Leben sein, immer und jederzeit, egal, wie und wer wir sind.

Amen.

 

Veronika Wimmer / 30. April 2020

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