Nach oben

 

09.10.2020

Geistige Hygiene

Vor einigen Tagen war es wieder soweit: Die Vorhänge hatten ihren jährlichen Waschtag. Einmal im Jahr kommt eine Fachfirma ins Altenzentrum in der Stollenstraße und wäscht alle Vorhänge. Die Bewohner werden von der Heimleitung vorab informiert. Ausgerüstet mit Leitern gingen drei Mitarbeiter der Firma schon früh am Morgen auf den Wohngruppen in die Zimmer, nahmen die Vorhänge vor den Fenstern ab und legten sie in bereitstehende Wäschewagen. Diese Wäschewagen - ähnlich denen, die Hotels verwenden - wurden dann auf den Parkplatz hinter dem Haus gerollt. Die Vorhänge werden nicht im Haus in den hauseigenen Waschmaschinen gewaschen, sondern in einer besonderen Gewerbe-Waschmaschine, die die Firma jedes Mal mitbringt und die auf der Ladefläche eines Transportfahrzeugs auf dem Parkplatz steht. Diese Waschmaschine hat ein größeres Fassungsvermögen als übliche Haushaltgeräte und wird über Kabel und Leitungen vom Altenheim aus mit Wasser und Strom versorgt. Nachdem die Vorhänge gewaschen waren, wurden sie wieder aufgehängt. Jetzt hängen in allen Räumen des Altenzentrums Wichlinghausen in der Stollenstraße saubere und frisch duftende Fenstervorhänge.

Als man mir von der Reinigungsaktion erzählte, dachte ich bei mir: Wäschewagen ist in dieser Geschichte nicht gleich Wäschewagen. „Wäschewagen“ sind die kleinen Rollcontainer, in denen die Vorhänge nach dem Abhängen gesammelt werden. Ein „Wäschewagen“ ist aber auch das Kraftfahrzeug auf dem Parkplatz des Altenzentrums. In diesem Wäschewagen wird das Waschgut transportiert und manchmal direkt gewaschen. Begriffliche Doppeldeutigkeit kommt gar nicht so selten vor. Als Pastorin begegnet mir oft ein Wort, das, je nachdem in welchem Zusammenhang man es benutzt, einen anderen Sinn bekommt. Das ist das Tätigkeitswort „glauben“. „Glauben“ bedeutet einerseits „meinen“ oder „vermuten“. Manche Menschen vermuten, dass es Gott gibt. Andere meinen dagegen, dass es Gott nicht gibt. Der eine glaubt dies, der andere glaubt das.

Das Wort „glauben“ bedeutet andererseits „(jemandem) unbedingt vertrauen“. Weil eine an einer bestimmten Krankheit leidende Frau Jesus unbedingt vertraute, konnte Jesus sie heilen und zu ihr sagen: „Dein Glaube hat dir geholfen“ (Mt 9, 22). Der Glaube der Frau war die Voraussetzung dafür, dass Jesus eine Verbindung von sich zu ihr herstellen konnte. Ich stelle mir die Verbindung Gottes zu uns wie ein Kabel oder wie eine Leitung vor, durch die Gott uns mit seinem heiligen Geist versorgt. Aber wozu brauchen wir Gottes heiligen Geist? Offenbar aus dem gleichen Grund, aus dem im Altenzentrum Wichlinghausen regelmäßig die Vorhänge gewaschen werden: Wegen der Hygiene.

Es gibt eine Hygiene des Körpers und eine Hygiene des Geistes. Um die Hygiene unseres Körpers zum Schutz vor Viren und Bakterien kümmern wir uns selber. Um die Hygiene unseres Geistes kümmert sich Gott. Weil Gott weiß: Wir Menschen müssen geistig gesund sein, um uns in dieser komplizierten Welt zurechtzufinden und zwischen „richtig“ und „falsch“ unterscheiden zu können. Nur wer zwischen „richtig“ und „falsch“ unterscheiden kann, fällt nicht auf die Lüge herein, die wie ein Virus in ständig veränderter Gestalt im öffentlichen Raum kursiert und Menschen geistig krank macht. Und nur wer zwischen „richtig“ und „falsch“ unterscheiden kann, erkennt letzten Endes, was wahr ist. Wahrheit kann man nicht riechen, wohl aber hören. Da, wo Menschen Wahrheit sprechen, breitet sie sich wie der Duft eines frisch gewaschenen Vorhangs von allein aus. Wer hätte daran nicht seine Freude?

Ihre Iris Fabian, Pastorin der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal

09. Oktober 2020

© Diakonische Altenhilfe Wuppertal GmbH 2020