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08.01.2021

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist

Liebe Mitarbeitende der Diakonie Wuppertal,

jedes Jahr wird unter ein christliches Motto, eine Losung, gestellt. Ein Angebot, dass uns diese Worte durch das neue Jahr begleiten wollen. Die Jahreslosung für das gerade begonnene Jahr 2021 ist eine Aufforderung Jesu; sie steht im Lukasevangelium, Kapitel 6, Vers 36:
 

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.


Beim Stichwort „Barmherzigkeit“ denke ich direkt: Das ist doch unsere Sache, das ist doch Aufforderung zur Diakonie, zur Hilfe, eben zur Barmherzigkeit, die wir anderen Leuten entgegenbringen wollen. Nicht umsonst heißt die bekannteste Diakoniegeschichte in der Bibel „Der barmherzige Samariter“ und berichtet von einem Menschen mit Migrationshintergrund, der spontane Hilfe leistet und anschließend längerfristige Unterstützung für den Bedürftigen sicherstellt.

Doch langsam, schauen wir uns diese Jahreslosung erst einmal genauer an: In der Sprache Jesu gab es verschiedene Begriffe, die wir zusammenfassend mit „Barmherzigkeit“ übersetzen, ähnlich wie das deutsche Wort Himmel mindestens zwei Bedeutungen hat, die z.B. englisch mit heaven oder mit sky bezeichnet werden, je nachdem, ob es um den Ort Gottes oder das Weltall geht. Und so ist Barmherzigkeit einmal Hilfe für Bedürftige wie beim barmherzigen Samariter; in der Jahreslosung steht aber ein anderes griechisches Wort: Seid barmherzig heißt hier: Schaut nicht weg, sondern klagt laut über das Leid, das einen anderen Menschen ereilt hat. Klagt es Gott: Sieh dir doch an, wie es ihr geht. Warum nur? Ich armer Mensch habe keine Antwort. Kümmere Du Dich um ihn, Gott, sei Du barmherzig, schaue Du hin und hilf.
 

Liebe Mitarbeitende, was tun wir eigentlich, wenn wir andere Menschen leiden sehen? Was tun mit unserer Hilflosigkeit, wenn wir nichts zur Linderung tun können, wenn wir fassungslos sind, wenn wir hinsehen wie der barmherzige Samariter, aber uns nicht so einfach hinunter beugen können wie er? Wenn wir fragen: Warum trifft es gerade diesen Menschen und darüber ratlos den Kopf schütteln: er hat doch schon so viel zu tragen und jetzt auch noch das.
 

Mich führt die aktuelle Corona-Pandemie in solche Ohnmachtsgedanken, und da holt mich dann die Jahreslosung heraus, gibt meinen Gefühlen der Hilflosigkeit eine neue Richtung: Ich wende mich an Gott. Ich brauche nicht tatenlos zuzusehen, auch wenn ich nicht direkt eingreifen kann, wenn Hilfe nicht so einfach ist. Es ist schon eigentümlich: Gott will gerufen werden, er lässt sich von uns bestürmen, bedrängen, er hört, wenn wir für andere lautstark zu ihm rufen. Deshalb: Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.


Ich wünsche Ihnen - und uns allen - ein barmherziges 2021.

Ihr
Dr. Martin Hamburger                                                                           8. Januar 2021

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