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25.06.2021

Andacht von Pastorin Iris Fabian

Sommerliches

Eine alte Bauernregel sagt: Der Monat Mai, kühl und nass, füllt dem Bauern Scheun' und Fass. Wenn das stimmt, dann erwartet die Bauern in diesem Jahr eine großartige Ernte. Volle Scheunen und volle Fässer. Denn der Monat Mai war in diesem Jahr ein ziemlich kühler Maimonat. Wir haben das daran gemerkt, dass wir uns ohne eine warme Jacke draußen nicht lange aufhalten konnten. Es war einfach zu kalt und zu den kühlen Temperaturen kam dann oft noch ein frischer Wind. Meine Wintersachen, die ich schon weggeräumt hatte, habe ich im Mai wieder aus dem Schrank geholt.

Der Mai war in diesem Jahr nicht nur besonders kühl, es hat auch sehr viel geregnet. Meistens war es ein typischer Bergischer Dauerregen über mehrere Tage. An manchen Tagen gab es aber auch regelrechte Unwetter mit Starkregen. Da war man drinnen in den eigenen vier Wänden besser aufgehoben. Jetzt im Juni ist das Wetter wieder ganz anders. Es hat viel weniger geregnet als im Mai und die Temperaturen lagen an manchen Tagen bei weit über 30C°. Auf einmal ist es so warm, dass man in der Sonne nicht lange bleiben kann. Am besten sucht man sich ein schönes Schattenplätzchen unter einem Baum oder unter einem Sonnenschirm.

Extreme, die es beim Wetter gibt, kommen auch im Leben von Menschen vor. Manche Senioren haben mir von extremen Situationen in ihrem Leben erzählt. Besonders die älteren Bewohner unserer Häuser erinnern sich noch an den Krieg und das Unheil, das er gebracht hat. Die Nächte im Luftschutzbunker oder im Keller des Hauses, die zerbombten Häuser. Das unendliche Leid, der Hunger und vor allem die Sorge um den Bruder, den Vater oder den Mann, die im Krieg waren. Würden sie sie lebend wiedersehen? Das andere Extrem war das unfassbare Glück, das viele empfunden haben, als die schlimme Zeit dann endlich vorbei war. Sie hatten überlebt, es ging langsam wieder aufwärts. Der geliebte Vater, der Bruder, der Ehemann war nicht verschollen, sondern war heimgekehrt. Die Familie war wieder beisammen. Man konnte für die Zukunft planen.


Auch wenn wir heute – Gott sei es gedankt – keinen Krieg, sondern Frieden haben, gibt es extreme Lagen im Leben von Menschen, extreme Gemütslagen. Manchmal erzählen mir Senioren, dass es ihnen an manchen Tagen innerlich nicht gut geht. Dann ist das Leben trist und grau, alle Freude ist wie weggeblasen und nichts kann sie aufheitern. An anderen Tagen ist es genau das Gegenteil. Es ist, als ob die Sonne neu in ihr Leben hineinscheint. Aller Kummer, alles Bedrückende ist fort. Das Leben macht wieder Freude, es ist einfach schön, auf dieser Erde zu sein. Diese Extreme in den Stimmungen, steckt das in unserer Natur drin? Müssen wir uns mit diesen Stimmungswechseln abfinden wie mit dem Wechsel des Wetters, das mal sonnig und heiter, dann mal wieder nasskalt und unfreundlich ist?

Offen gesagt, ich weiß es nicht. Ich weiß nur eines: So etwas wie einen dauerhaft heiteren Gemütszustand, eine Art unveränderliche Glückseligkeit, habe ich bisher noch bei keinem Menschen gesehen. Jeder Mensch kennt auch dunkle Stunden, die wie eine Last auf der Seele liegen. Da macht auch Jesus keine Ausnahme. In seinen letzten Stunden in Freiheit war Jesus mit seinen Jüngern im Garten Getsemani. Er bekam Angst und wurde sehr traurig. Zu seinen Jüngern sagte Jesus: „Meine Seele ist zu Tode betrübt“.

So haben sich viele Menschen damals den Messias, den Gott ihnen verheißen hatte, nicht vorgestellt. Als einen Menschen, der verletzlich ist, dem Gefühle wie Angst und Trauer nicht fremd sind. Jesus wusste, dass das Kreuz von Golgatha noch vor ihm lag und dass er bald sterben würde. Dass er in dieser Lage Gefühle zeigt, finde ich nur menschlich. Jesus hat selber erlebt, was Seelennot ist. Darum kann er mit uns mitfühlen, wenn wir ihm von unserer Not erzählen, und er kann uns trösten. Der Trost, mit dem Jesus unsere Seele tröstet, ist wie ein warmer Pullover an einem kalten Maitag oder wie ein Sonnenschirm an einem heißen Junitag. Wer möchte nicht gerne bei Jesus unter so einem Schirm Platz nehmen, um hier seine innere Mitte wiederzufinden?

Wuppertal, 24. Juni 2021
Iris Fabian, Pastorin der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal

 

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